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Wenn Du auf dieser Seite gelandet bist, dann vielleicht, weil Du einen meiner Flyer in die Hände bekommen hast. Ob in meinem (und vielleicht auch deinem) Lieblingscafé, im Copyshop oder im Waschsalon, meine Flyer gibt es überall, wohin mich der Weg so verschlägt.

Die Fortsetzung kannst Du hier lesen. Und für den Fall, dass Du einfach aus Neugier hier gelandet bist, erscheint an dieser Stelle noch einmal die komplette Geschichte.

 

 

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Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ Dieser Brunnen

„Was gucken Sie so blöd? Haben Sie noch nie jemanden gesehen, der Wasser schöpft?“
„Pardon. Ich wollte Ihnen nur meine Hilfe anbieten, es sieht so anstrengend aus.”
„Nein, dabei brauche ich keine Hilfe. Ich muss eben weit hinunter mit dem Eimer, hier oben ist ja nicht mehr so viel Wasser, das sehen Sie doch!“
„Wie wäre es, wenn Sie sich für einen anderen Brunnen entscheiden?”
Der junge Mann deutete mit seiner Hand auf drei Brunnen, die alle nur wenige Schritte entfernt waren.
„Ich will diesen Brunnen und dieses Wasser! Und jetzt belästigen Sie mich nicht weiter und krempeln Ihre Ärmel gefälligst wieder runter!“
Der junge Mann verließ mit schnellen Schritten den Ort des Geschehens. Keinesfalls wollte er das knöchrige Männchen mit seinem übergroßen Eimer weiter erzürnen, das immer noch hinter ihm her schimpfte. Selbst als er die zornigen Worte des Alten längst nicht mehr verstehen konnte, hörte er den Eimer noch pausenlos gegen den Brunnenrand schlagen.

Das Männchen hatte ihm nicht gesagt, dass es nach dem Wasser süchtig war. Nach dem Wasser aus diesem Brunnen. Das sagte es niemandem, denn es wollte keine Menschenseele auf den Geschmack bringen. Es war sein Brunnen.

Auch am nächsten Morgen schöpfte es wieder und füllte das klare Wasser in seinen goldenen Krug. Auch am nächsten und am übernächsten. Nach einigen Wochen hörte der junge Mann beim Vorbeigehen aus einiger Entfernung wieder Eimergeklapper und wollte schon einen großen Bogen um die Gegend mit den vier Brunnen machen. Das Männchen sah ihn sofort aus der Entfernung: „Machen Sie, dass Sie Land gewinnen!“
Der junge Mann schwieg.
„Was gucken Sie so?”
„Nun ja, ich mache mir Gedanken, es wird immer tiefer für Sie, der Brunnen scheint nicht mehr lange sein Wasser zu geben.“
Das Männchen lief rot an und verjagte den Mann. Es wusste selbst, was mit dem Brunnen geschah. Es hatte zu viel Wasser entnommen. Je weniger Wasser kam, desto größer waren seine Entzugserscheinungen.

Es dachte zurück an die Zeit, da es zum ersten Mal an diesem Brunnen war. Als es seinen Eimer hinabgelassen hatte, um den Geschmack des Wassers aus diesem unbekannten Brunnen zu kosten.
Nur einmal kurz kosten.
Neugier.
Und es taumelte. Nie zuvor hatte das Männchen eine derartige Süße geschmeckt. Kein Vergleich zum Brunnen in seinem Vorgarten. Es kam wieder und wieder. Wenn es nicht da war, verzehrte es sich nach diesem Brunnen. Lange zuvor hatte es beschlossen, das Land zu verlassen, hatte sich nie eingelebt in dieser unfruchtbaren Gegend. Und nun das! Es konnte nicht länger als wenige Tage ohne dieses Wasser. Manchmal schlief es gleich am Fuße des Brunnens. Seines Brunnens. Ihn  zu bewachen.

Immer wieder kreisten seine Gedanken um das Wasser. Die Angst, wie lange es noch da sein würde, nahm es jeden Tag stärker in Besitz. Denn es wusste, was mit ihm geschehen würde, wenn das Wasser ausging …

 

Es wusste, dass es seinen Durst nie wieder an einem anderen Brunnen stillen könnte. Kurzfristig löschen, das wäre das eine … stillen – undenkbar!

***

Der junge Mann wunderte sich, dass er diesmal aus der Entfernung nichts hörte. Er ging dichter zum Brunnen und fand das Männchen auf dem Rand sitzend vor, die kurzen Beine erreichten nicht den Boden und er fragte sich, wie es da hinaufgekommen war. Seine kleinen Finger zitterten. Diesmal sah er keine Wut in seinen Augen. Es erschien ihm, als wäre das Männchen geschrumpft.
„Nichts mehr drin?“, fragte er und beugte sich über den Rand.
Das Männchen erwiderte nichts und starrte über das Feld.
„Da ist noch was, geben Sie mal den Eimer.“ Mit gekonnten kräftigen Zügen konnte er am Tau den Eimer hochziehen, dessen Boden etwa zwei Zentimeter mit Wasser bedeckt war. Das Männchen riss ihm den Eimer aus der Hand, mit einer Energie, die er diesem Gnom nicht zugetraut hätte. Er konnte zusehen, wie es sich in einer Entfernung von mehr als einem Meter ins Gras setzte und das Wasser in seinen Krug umfüllte. Kein Tropfen ging daneben. Es setzte den Krug an und trank einen kleinen Schluck. Danach tauchte es seine Finger ein und leckte sie ab. Das tat es viele Male. Sein Zittern wurde schwächer.

„Ich würde Ihnen gerne helfen.“
Das Männchen winkte ab: „Aussichtslos.“
„Nur dieser Brunnen?“
Statt zu antworten, tauchte es seine Finger wieder in den Krug.

***

Die nächsten Tage schaute der junge Mann besorgt aus der Entfernung zu. Immer hörte er das Eimerklappern und je mehr Zeit verging, desto aufgeregter wurde das Männchen. Seine Bewegungen waren nicht mehr galant wie bei ihrem Kennenlernen, es war nicht mehr diese Leichtigkeit, wenn es den Wassereimer über sich ergoss. Er sah es genau: es zitterte. Und er konnte beobachten, wie es jeden Tag kleiner wurde, wie es in sich zusammenschrumpfte, seinem Verfall entgegen.

Bis dieser Tag kam, an dem keine Bewegung mehr am Brunnen auszumachen war. Mit großen Schritten näherte sich der junge Mann. Er sah schon von Weitem den goldenen Krug neben dem Brunnen liegen. Vom Männchen war keine Spur zu sehen. Die Sonne brannte auf die Erde und das Gras um den Brunnen war braun. Er tastete sich langsam an den Brunnenrand vor und schaute direkt hinein. Bereits nach kurzer Zeit hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Er konnte die ummauerten Innenwände erkennen und sah den ausgetrockneten Boden, der sich tief furchte. Am Grund lag das Männchen, auf die Hälfte seiner Größe zusammengeschrumpft. Kein Atem war zu hören.

Eilig ging der Mann und kam kurz darauf mit Maurerwerkzeug wieder. Er vermauerte den Brunnen. Daneben stellte er einen Stein und davor pflanzte er den goldenen Krug ein. Er pflückte weiße Lilien und setzte sie vor den Grabstein in den Krug. Aus dem nur drei Meter entfernten Brunnen schöpfte er etwas Wasser und füllte den Krug der Lilien. Auf den Grabstein meißelte er mit geschickten Händen:
„Trinke Wasser aus deiner Zisterne und Fließendes aus deinem Brunnen.“

Er bedauerte, nicht mehr über das Männchen gewusst zu haben, hatte aber dennoch das Gefühl, das Wichtigste mit ihm geteilt zu haben.

Am nächsten Tag ging er zum Grab, um nachzusehen, ob alles seine Richtigkeit hatte. Und da sah er es: Die Lilien waren vertrocknet.