Jan 12, 2014 - Uncategorized    No Comments

Sprache im Wandel der Zeit

Wie sehr die Sprache ihrem Wandel unterworfen ist, wurde mir klar, als ich vor einigen Tagen für eine aktuelle Recherche ein Buch aus dem Jahr 1938 gelesen habe. Einige Auszüge, die mich faszinierten:

alte-deutsch-schrift-4_21144434„Der Friedhof befindet sich zur Zeit über der ersten Hardt. Seine Umfriedung besteht aus einer lebenden Hecke. Da dieser Friedhof erst im Jahre 1900 angelegt wurde, sind alte Grabkreuze und Steine nicht vorhanden. Der älteste Grabstein ist vom Jahre 1902. Die meisten Grabsteine bestehen aus schwarzem Marmor und hellen Sandsteinen. Eine im Jahre 1937 neu erbaute, geschmackvolle Leichenhalle ziert den Friedhof. Die Gräber sind im allgemeinen gut gepflegt, ihr Schmuck besteht hauptsächlich aus Blumen und allerhand Zierkräutern.“

Nicht nur dass dieses Buch offenbar weiß, wie jedes Grab gepflegt wird und mit welcher Art Bepflanzung zu rechnen ist, viel interessanter scheint doch die Wendung, dass eine Leichenhalle geschmackvoll sein könne. Und das eine Leichenhalle einen Friedhof zur Zierde werden kann. Es klingt makaber und würde sich als Formulierung in keinem neuzeitlichen Buch mehr so finden. Aber ganz offensichtlich war es zur damaligen Zeit alles andere als makaber. Sprachlicher Wandel schlechthin.

Und weiter geht’s mit interessanten Details:

„Die beiden kundigen Ortswanderwarte unternehmen von Zeit zu Zeit mit den Kurgästen Ausflüge in die nahen Berge. Viele Gäste kommen immer wieder zu längerem Aufenthalte zurück, um ihre Freizeit zur Erholung hier zu verleben, so zum Beispiel ein alter Gast aus Düsseldorf bereits 40 Jahre lang regelmäßig.“

Wenn das der Gast aus Düsseldorf wüsste, dass er in diesem regionalen Bestseller Erwähnung fand… Zu dieser Zeit gab es (jährlich!) ca. 250 Kurgäste. Ob man da der „alte Gast aus Düsseldorf“ sein möchte, den ab da sicher kein Unbekannter mehr war?

Ganz anders war natürlich auch die Abendgestaltung:

„ ´Spellen´ gehen. Um einigermaßen über die langweiligen Winterabende herumzukommen, beginnt man, sich nach der Kirmes abends gegenseitig zu besuchen, was man „spellen gehen“ nennt. Mann und Frau einiger Familien, die sich zusammen verstehen, besuchen sich abwechselnd, meist Sonntagsabends, wo man sich bei Kaffee und Kuchen über alles Mögliche unterhält. Die Neuigkeiten im Orte, die politische Lage, Steuerfragen usw. werden besprochen, wobei sich die Frauen meisten mit Strümpfestricken, die Männer dagegen mit Rauchen beschäftigen. Gegen 12 Uhr nachts trennt man sich wieder bis zum nächsten Male.“

Dem gibt es nichts hinzuzufügen… mal wieder spellen gefällig?

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